Die Fanzine-Erfahrung: Rudi Carrell und Eskalation total!

Vorspiel: Jenny überredet mich zu einem dreitägigen Fanzine-Workshop, der vom Mainzer Atelier Zukunft mitorganisiert wird. Was ist ein Fanzine? Ein Magazin, geschrieben & gestaltet von Fans für Fans. Von was man genau Fan ist, ist dabei egal: Rudi Carrell, Schnitzel, Hardcore – alles geht und darf auch gerne einfach nur ausgedacht sein. Der Workshop kostet 30 Euronen und wird von Leuten geleitet, die schon viele Fanzines gemacht haben. Ich bin gespannt und ein wenig ängstlich: Jenny kann so malen, dass man Menschen erkennt (und zwar aufgrund ihrer Gesichtszüge und nicht eindrücklicher körperlicher Abnormitäten wie fehlender Gließmaßen). Ich male wie ein ambitionierter, jedoch talentfreier Fünfjähriger (meine gemalten Menschen erkennt man ausschließlich aufgrund fehlender Gliedmaßen).

Tag 1: Alle 40 Teilnehmer kennen sich, alle studieren Mediendesign und sehen zum großen Teil auch so aus.  Die Leiter sagen Sachen wie „Ihr müsst euch lockermachen“ und „Macht einfach, was euch anbockt.“ Ich fühle mich plötzlich ganz unlocker. Sie sagen aber auch: „Es geht nicht um Style, es geht auch um Inhalt.“ Die rund 40 Hipster-Designer gucken nicht mehr nur aus ihrer American-Apparel-Wäsche, sondern auch ein bisschen betroffen.  Das Thema des Fanzines: „Das geilste Fanzine aller Zeiten“. Konkret geht irgendwie anders. Die zumindest optisch komplett männlichen Leiter sagen, dass sie immer einen Penis in ihren Fanzines verstecken, das ist Tradition und schon immer so gewesen. Vier Jungs sagen, sie wollen 10 Seiten nur mit Penissen machen. Frauen rollen entnervt mit den Augen. Dann sollen wir uns schnell Ideen für das geilste Fanzine aller Zeiten ausdenken. Eine Frauengruppe schlägt vor, Geschlechtskrankheiten mit Pailletten, bunten Stoffen und anderem Glitzerkram nachzustellen. Top Idee! Andere wollen auf dem Mainzer Wochenmarkt herausbekommen, welcher Verkäufer die dicksten Kartoffeln hat. Ich erinnere mich, dass ich von einer Band gehört habe, die irritierender- und wunderbarerweise „Irgendwie Feucht“ heißt.  Ich habe auch noch andere Ideen, die Leiter wollen aber was zu „Irgendwie Feucht“. Passt ja auch irgendwie zu den Penissen.

Tag 2: Wie gestalten zwei Seiten zum Thema „Fürchterliche Bandnamen“. Ich illustriere eine Top 5 der misslungensten Bandnamen. Sieht authentisch ungekonnt aus. Ansonsten muss ich mich dauernd rechtfertigen, weil ich nix kann. Folgenden Dialog gab es zwischen mir und einem Workshop-Leiter. Er: Kannst du das Bild nicht mal freistellen? Ich (im Kopf): Der Mann spricht in fremden Zungen! Freistellen? Bitte? ) Ich (außerhalb vom Kopf): Ähem, ich kenn mich nicht so aus mit Photoshop, ich studiere doch Publizistik. Er (kalt, mit Blick auf den Bildschirm): Das ist InDesign. Ich unterhalte mich mit einem der Leiter, ich habe mitbekommen, dass er eine Ausgabe des Dummy Magazins, einer von mir hochverehrten Gesellschaftszeitschrift, mitgelayoutet hat. Das ist aber auch schon ein bisschen her. Sein Geld verdient der Mann eigentlich, indem er die Printausgabe des Kölner Stadtanzeigers als App für das iPad umgestaltet.  Es ist immer ein bisschen trist, wenn man richtig kuhle Sachen nur außerhalb der regulären Arbeit machen kann.

Tag 3: Der Druck dauert. Das Fanzine hat den Namen „Let`s Fetz“ bekommen,  wird heute aber nicht mehr fertig. Wir fühlen uns überflüssig, basteln aus einer alten Filmzeitschrift noch ein paar Gimmicks zum Ins-Fanzine-Reinlegen, essen Pizza und gehen.

Nachspiel: Jenny holt für uns ein paar fertige Fanzines ab, die äußerlich ganz schick aussehen. Die Inhalte jedoch sind insgesamt durchwachsen und beweisen unterm Strich: Wer was Kreatives studiert, ist selbst nicht automatisch kreativ. Manche Sachen sehen gut aus, sind inhaltlich aber Tonnenmaterial. Manche Sachen sehen sogar schlecht aus und haben gar keinen Inhalt. Das ist manchmal okay, auf Dauer aber ein bisschen lahm – irgendwie hat Style doch ziemlich über Inhalt gesiegt.  Die Geschlechtskrankheiten mit Pailletten sind durchweg schön. Es gibt unüberraschenderweise eine David Hasselhoff-Seite. Es gibt auch einen unübersichtlichen Pick-Up-Guide zum Abschleppen. In jeder Ausgabe liegt ein Poster und manchmal ein Kartoffeldruck-Gimmick oder ähnlicher unterhaltsamer Schabernack.

Jenny und ich beschließen, selbst auch ein Fanzine machen und dann für teuer Geld zu vertreiben. Mögliche Themen: Schildkröten oder Klöße oder so. Macht euch locker und mit!



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5 Antworten zu Die Fanzine-Erfahrung: Rudi Carrell und Eskalation total!

  1. sebastian schreibt:

    freu mich drauf !! liebe grüsse sebo (hipster)

  2. Dirk schreibt:

    Hey, gutes Zitat über mich: „Es ist immer ein bisschen trist, wenn man richtig kuhle Sachen nur außerhalb der regulären Arbeit machen kann.“ – Du hast ja recht, aber der Stadtanzeiger auf dem ipad ist auch cool. Und überhaupt. War auf jeden Fall interessant zu lesen, was da eine Person aus dieser riesigen Masse Studierender über dieses Wochenende schreibt. Weil so richtig jeden mal ein bißchen kennenlernen ging ja leider nicht. Naja. Bin gespannt auf dein Fanzine. Gruß, Dirk

    • eva schreibt:

      …“dass man kuhle sachen nur außerhalb der regulären arbeit machen kann“, fußt tatsächlich nicht ausschließlich auf unserem 10minütigen gespräch, sondern auch auf meiner eigenen erfahrung. aber wenn das mit dem stadtanzeiger-ipad gut ist, haste ja glück. viele penisse in fanzines find ich trotzdem doof.

  3. sebastian schreibt:

    .. ich wuerde auch gerne mal in dein fanzine reinlesen – melde dich bitte bei mir _ danke! 🙂

    • eva schreibt:

      …ich muss leider gerade hurtig ganz viel seriös arbeiten. aber wenn es das schildi-fanzine (das übrigens mittlerweile um einen usa-aspekt erweitert wurde) gibt, kriegst dus! 😉

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