Kurt Beck geht nicht auf Safari

Da der Mensch an sich ja normalerweise scheuklappenmäßig von eigenen Interessen geleitet durch die Welt taumelt, erweitert sich sein Horizont, begibt er sich an Plätze, die ihn null interessieren. Heutige Erfahrung an Orten, an die er sich sonst nur aus einem sehr großen Versehen heraus verirrt: SPD-Wahlveranstaltung mit Kurt Beck zum Thema „Migration und Integration“.

Die SPD versammelt sich weit ab vom Schuss. Ort des Spektakels ist eine Sporthalle in Mainz Weisenau, zu der man vom Hauptbahnhof aus locker eine halbe Stunde mit dem Bus gurkt. Die Austragungsstätte riecht innen leicht nach Schweiß, das zeugt von ganz spezieller Volksnähe und Bescheidenheit. Wie die Autos vor der Turnhalle innerlich riechen, lässt sich nur vermuten, rein äußerlich zeugen sie aber zumindest nicht so von Bescheidenheit.

Die Turnhalle ist also sehr geerdet oder man kann auch sagen, karg und trist. Aber der Boden ist immerhin schön rot, die Menschen in der Turnhalle sind nicht so schön, aber dafür etwas älter. Die Halle ist gut gefüllt mit vielen älteren Deutschen, manchen jungen Deutschen und im Raum verkleckst ein paar Menschen, die zumindest nicht deutsch aussehen.

Die Veranstaltung selbst beginnt so unwaghalsig, wie die Klamotten der manchen jungen SPD-Hüpfer aussehen:  Der wenig spektakeliger Moderator sagt, dass er ein „Mensch mit Migrationshintergrund“ ist. Eine einstimmende Bollywood-Tanzgruppe ist ein wenig unbeholfen, wie man halt als so unbeholfen ist, soll man als Mitteleuropäer sinnlich seinen Körper schlängeln. Richtig gut tanzt nur die äußerlich sehr undeutsche Leiterin. Der Auftritt soll dem Abend wohl eine dem Migranten-Thema angemessene, lebendige Exotik verleihen, aber das Licht in der Turnhalle ist dafür irgendwie zu weiß und kalt. Neben uns steht alleine die ganze Zeit ein ganz grauer Mann mit enttäuschtem Gesicht, zu dem passt das Licht ganz gut. Neben uns liegen Flyer, auf denen „PersBECKtive“ steht. Neben uns liegen keine Flyer, auf denen „Kurt beckt ein Brot“ steht.

Dann kommt Kurt auch schon und macht faustige Siegergesten mit seinen Händen, ein Mann mit Triefauge neben uns sagt „Doll macht der das, der Kurt.“ Weil alle klatschen, klatschen wir aus Versehen mit. Kurt ist kleiner, als man denkt, aber nicht dünner. Ein runder Igel bräst da vorne am Podium. Als Tier würde mir Kurt gefallen. Einige der Menschen mit Migrationshintergrund stehen neben uns am Tisch,  alle Männer. Sie unterhalten sich weiter, als Kurt anfängt mit seiner Rede. Kurt spricht frei und gestikulativ ansprechend, das kann er ziemlich gut: Es geht natürlich um Fußballspieler mit Migrationshintergrund, dann schwenkt Kurt kurz aber relativ schmerzlos  zum Dritten Reich und dann zum frühen Wahlrecht bei Kommunalwahlen für Einwanderer (für das Kurt übrigens ist – nur, um hier wenigstens ein bisschen politischen Gehalt einfließen zu lassen). Alles sehr hübsch.

Dennoch geht im Kopf eine Schere auf: Kurt verkörpert ja einwandfreie Provinz, und das funktioniert so gut, dass er es immerhin zum Ministerpräsidenten in der Provinz gebracht hat. Das heißt aber auch: Kurt funktioniert nur auf rheinländischen Weinfesten. Als feister Burgherr in Ritterrüstung kann ich mir Kurt auch noch ganz gut vorstellen, aber das wäre ja eine Reise in der Zeit und nicht am Ort. Im Ausland kann man sich Kurt irgendwie nicht so gut vorstellen, weshalb man ihm automatisch wenig Einfühlung für Migratengefühle unterstellt. Kurt Beck als Entdecker fremder Kulturen? Kurt auf Safari, Kurt beim Essen mit Stäbchen? Kann der die Stäbchen überhaupt greifen mit solch wohlgenährten Wurstfingern? Kann der überhaupt Englisch? Der würde doch verhungern im Ausland!

Weil Kurt also nicht ins Ausland kann, kommt dieses eben zu ihm: Denn plötzlich menschelt es arg auf der Bühne bei Kurt vor lauter Beispielmigranten, die persönlich erzählen sollen, wie sie migriert wurden. Eine davon ist Weltmeisterin im Trampolinspringen! Ich bin imponiert, denn auf solch einem Trampolin würde ich auch gerne öfters springen, besäße ich ein Exemplar.  Kurt legt jetzt seine Hand denkerhaft ans Kinn und legt den Igelkopf schief. Der Igel hört zu.

Die Migration ist noch nicht zuende, aber um 9 Uhr fährt der letzte Bus und den müssen wir kriegen. June ist mittlerweile deutscher Staatsbrüger, ist aber in Togo geboren und fragt uns nach dem Weg zum Bus. Er lebt seit 20 Jahren in Deutschland, erzählt akzentstark und weich und nett, dass er eigentlich Fotoreporter ist, jetzt aber als Kochhilfe in Wiesbaden arbeitet. Seit sechs Monaten ist der SPD-Mitglied und zeigt uns seine SPD-Card (so heißt das nämlich heute und so sieht es auch aus: Nicht wie ein ehrwürdig speckiges Pareibuch, sondern wie eine Kreditkarte.) Er rät uns, wir sollen auch Mitglieder werden, weil wir dann viele Vorteile hätten. Er hat eine neue Stelle in Aussicht durch die SPD, sagt er, etwas mit Migrationshilfe.

Dann überlegen wir noch, ob wir in näherer Zukunft weitere Wahlveranstaltungen besuchen sollen. Wir überlegen, mal zur CDU zu gehen. Dann muss man aber wahrscheinlich nicht nur eine halbe Stunde in ein Industriegebiet gurken, sondern sich auch noch angemessen verkleiden, glauben wir. Und ich habe noch nicht mal Perlohrringe.

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