Verdauungstrakte und Serious Games in Darmstadt

Darmstadt ist neben Schweinfurt und Pforzheim ja wohl eine Stadt, die schon durch ihren unglücklichen Namen jedes Jahr unzählige Touristen verprellt. Bevor ich mich trotz dieser namentlichen Entgleisung dorthin begebe, interessiert mich deshalb, wie es überhaupt dazu kam. Selbst ausgesucht hat sich die Stadt ihren Namen mit inkludiertem Verdauungstrakt ja wohl eher nicht.

Auf der offiziellen Homepage der Stadt findet sich nichts zur Namensgebung. Ich suche aber auch gar nicht richtig, denn meine Aufmerksamkeit wird sofort gefangen genommen von einem faszinierenden Aufmacheratikel. Dieser ist prominent platziert und verkündet, dass in Darmstadt derzeit Bäume mit für Menschen ungefährlichem Schädlingsbelkämpfungsmittel gegen Eichenprozessionsspinner  behandelt werden. Diese Nachricht mutet auf so spektakuläre Weise uninteressant an, dass ich sie irgendwie doch lesen muss. Vielleicht ist es eine Trotzreaktion gegenüber der permanenten, oftmals skandalhaschenden Informationsprasselei durch Spiegel Online. Auf mich zumindest übt es nach einem Tag voller toter Osama Bin Ladens einen seltsamen Reiz  aus, sich Informationen reinzutun, bei denen ich absolut sicher sein kann, dass mein Hirn sie umgehend wieder abtoßen, wenn nicht gar einfach glatt kognitiv ignorieren wird. Ein Phänomen, dass ich übrigens auch immer wieder an mir selbst beobachte beim Lesen von ADAC-Magazinen, Kleingarten-Vereinsheften und Fachmagazinen über Guppy-Zucht. Verwundert kopfschüttelnd, irgendwie gleichmütig, aber doch amüsiert blättere ich dann durch solche Lektüre,  in der angenehmen Sicherheit, dass diese Informationen absolut keine Folgen für mein kleines, aber feines Denkertum haben werden.

Um nicht komplett abzudriften in Richtung Fischmagazine und anderem Gedöns: Darmstadt benennt sich nicht nach einem Darm. Das ist nicht allzu schade. Tatsächlich herrscht Unklarheit über den Ursprung des Namens: So wird z.B. spekuliert, dass Darmstadt die befestigte Siedlung eines königlichen Wildhübners (?) mit dem ganz fabulösen Namen Darimund war. Fantastisch.

Namen hin oder hops. Ich war auf jeden Fall in Darmstadt. Denn hier – wenn man die handelsüblichen Vorurteile gegenüber Verdauungstrakten mal überwunden hat – geht doch allerlei Agradables von statten: Speziell auf der Mathildenhöhe werden immer wieder ziemlich schnieke Ausstellungen, ähem, ausgestellt. Derzeit eine Schau mit dem wirklich unglaublich catchy Titel „Serious Games – Krieg – Medien“.

Vorweg gilt: Ein Kurator muss schon eine ziemliche Luftpumpe sein, um eine Ausstellung mit dem Wort „Krieg“ im Titel komplett in den Sand zu setzen und am Zuschauer wirkungslos vorbeiziehen zu lassen: Auch wenn er ein Mandala rahmt und auf ein beiliegendes Erklärungskärtchen „Saddam Hussein“schreibt, ist der Betrachter betroffen. Oder so ähnlich zumindest.  Diese vorgeframte Betroffenheit heißt aber auch, dass man als Zuschauer schon vor dem Anschauen eine klare Position einnimmt, und zwar eine klare und keine interessant zwiespältige (in dem Falle eine gegen Krieg, schätze ich einfach mal so aus der Hüfte, ähem, geschossen).

Die Kunst ist dann zum Teil gut: Besonders beeindruckend – man muss fast sagen raffiniert – sind die afghanischen Gebetsteppiche, bei denen man erst auf den zweiten Blick erkennt, dass hier Panzergefechte und Maschinengewehre abgebildet sind. Dann gibt es sehr, sehr, sehr viele Bildschirme, auf denen dokuähnliche, verstörende Kurzfilme erinnern, die selbst Arte nicht nachts zeigen würde: Menschen reden hier vor allem über ihre kriegstoten Angehörigen. Zwischen den Projektionen sticht  Hauptaussteller Harun Farocki hervor: Seine Videoprojekte, bei denen er u.a.US-Soldaten beim Training mit Kriegscomputerspielen gefilmt hat, wirken wie ein absurde,  jungsgerechte Vorbereitung aufs Sterben: „Watson is down.“

Viele der Projekte sind aber irgendwie zu holzhammermäßig, zu moralisch und wenig subtil unterwegs: Ein maschinengewehriges Heer holzgeschnitzter Kameras steht stumm herum, irgendwo wird Lara Croft immer und immer wieder umgebracht. Collagen von Martha Rosler kombinieren Kriegsszenen mit Hochglanzwerbung: Das ist spannend, wenn sich Soldaten durch eine Mittelschichtsküche pirschen. Das ist aber auch einfach nur schrill und allzu unmissverständlich, wenn ein glücklicher Familienvater mit Sohn und einem Spielzeugflugzeug spielt, während um ihn herum Kämpfe und Verwüstung sind. Hier finden sich ein paar Bilder der Installationen.

Insgesamt lässt die Ausstellung gerade durch moralischen Anspruch und ihren Willen zur Medienkritik dem Betrachter wenig Spielraum:  Den Begriff des Mediums über Serious Games und politische Berichterstattung hinauszudehnen, hätte der Ausstellung gut getan und die Moral zu Gunsten der Kunst entschärft: So hätte mich neben einer Momentaufnahme der heutigen Berichterstattung z.B. auch interessiert, wie sich die Darstellung von Kriegsszenen in der Kunstgeschichte bis heute entwickelte. Auch über ästhetisierte Gewalt wird nicht gesprochen, obwohl man damit oftmals auch den Betrachter wunderbar involvieren und berühren kann – nämlich dann, wenn man diesem z.B. klarmacht, dass es ihm eigentlich Spaß macht, Gewaltorgien in Quentin Tarantino-Filmen zu sehen. Ein Erfahrungsbericht von einem betroffenen Kriegsopfer und daneben einen Kampf aus einem kampfigen Film oder so ähnlich wären zwar ziemlich provokant,  hätten der Ausstellung aber vermutlich auch ziemlich gut getan und den Betrachter auf eine gute Weise irritiert.

Fazit: Trotz Panzer-Teppichen und Harun Farockis interessanten Projektionen weiß man insgesamt nach dem Besuch der Ausstellung nur einmal mehr, dass man gute Gründe hat, gegen Krieg und Gewalt im Allgemeinen zu sein. Das wusste man aber vor dem Besuch – nur ist das Wissen in diesem Moment begleitet von einem betroffenen Nachgeschmack. Der aber vergeht dann auch wieder relativ schnell.

Infokasten: Serious Games, Mathildenhöhe in Darmstadt, noch bis 24. Juli 2011. Hinkommen ohne Auto: Ab Hauptbahnhof mit dem Bus F und bis Mathildenhöhe fahren (Achtung: der Bus fährt fahrlässigerweise nicht am Busbahnhof am Haupteingang, sondern am Hinterausgang des Bahnhofs!).

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