Im ZDF-Fernsehgarten: Thomas Anders, die Killerpilze und Blue Valentine

Nachdem ich David Hasselhoff im vergangenen Jahr leider verpasste, wird nun endlich mal bei einer Aufzeichnung vom ZDF-Fernsehgarten vorbeigecheckt. Hier treten lauter Artisten auf, heute u.A.: Die Killerpilze, Thomas Anders und ungarische Turner in Lack und Leder.

Moderatorin Andrea Kiewel (für Freunde und auch sonst alle „Kiwi“) sagt zu allen „Schatz“. Gotthilf Fischer sagt, alle sollen jetzt mitsingen in Hamburg, Bremen und Rio. Eine Aneinanderreihung, die auf mich völlig disparat wirkt: Zwei norddeutsche Städte mit Hafenfesten und eine Millionenmetropole mit weltbekanntem Karneval. Solche kruden Aufzählungen sind wohl die Überleibsel einer im deutschen Schlager tief implementierten Illusion von weltläufiger Hafenromantik, auf die auch schon ein Freddy Quinn in den 1960er Jahren baute:

Ein studentischer Platzanweiser fragt uns, ob wir nicht auf die besseren Sitzplätze in der Nähe der Kameras wollen. Meint der das ernst? Ich trage einen grünen Parka und rote Haare. Wir sind doch hier bei leichter Unterhaltung, nicht bei einer Anti-Atomkraft-Demo. Das durchschnittliche Fernsehgarten-Publikum trägt eher so Zweiteiler in frühlingshaften Farben und gefällige Blumenmuster. Aber das durchschnittliche Fernsehgarten-Publikum ist auch, jetzt mal  grob über den Daumen gepeilt, 40 Jahre älter als ich. Weil man die eigenen Falten aber nicht so gerne im Fernsehen sieht, muss hier junges Fleisch hin. Ob im Parka oder nicht, scheint egal.

Die Killerpilze verpassen wir gerade so (ob leider oder nicht vermag ich irgendwie nicht beurteilen).  Ich muss daran denken, dass die sich mit ihrem Namen ja irgendwie schon ein Verfallsdatum gegeben haben. Nach der Pubertät kann man sich mit so einem Bandnamen nur noch auflösen. Wobei: Itchy Poopzkid gibt es jetzt auch schon seit über zehn Jahren.

Dann das Highlight: Thomas Anders und Uwe Fahrenkrog-Petersen (starrte bei einer Popstars-Staffel mit ungünstig gezupften Augenbrauen immer leicht geifernd in die Kamera) treten als, ähem, Modern Talking ohne Dieter Bohlen auf. Ihr Lied heißt „Gigolo“ (Auch hier lässt sich wiederum auf disparate Sinnreihungen im Schlagergeschäft hinweisen – die Aufzählung „Thomas-Uwe-Gigolo“ ist schon arg entzaubernd, wenn man sie sich so auf der Zunge zergehen lässt. Wenn man dann noch die zwei ältlichen Gesichter der Solariumfans Uwe und Thomas dazu anschaut, ist die Schere im Kopf groß.) Das Lied von den Solariumfans ist aber schmissiger Synthie-Pop und haut in genau dieselbe Kerbe wie auch Modern Talking, ist aber viel zu ehrlich gemeint, um im Zuge einer Revival-Trash-80sWelle mitzuschwimmen. Gibt es ein Video? Es gibt eines aus dem Sat1-Frühstücksfernsehen, man beachte hier auch die seltsam attraktive Frauenband im Hintergrund und die Uhrzeit dieser TV-Premiere, die wohl auf alle Hausfrauen jenseits der 40 gemünzt ist.

Uwe hat ein Umhängekeyboard und er sagt: „Ich habe diese Keyguitar bei Ebay ersteigert.“ Kiwi sagt ganz schnell, dass es ja auch noch andere Online-Marktplätze gibt, einmal hat sie ihren Job beim ZDF ja schließlich schon verloren, weil sie allzu häufig Markennamen droppte. Aber ich verstehe auch, warum das ZDF sie wieder wollte, denn jetzt veranstaltet sie mit Thomas Anders ein Eierschnee-Wettschlagen und spricht dann – haste nicht gesehen – mit Jan Hartmann, dem smarten Arzt aus der Serie „Herzflimmern“. Sie moderiert die alle souverän weg, Respekt. Kiwi ist so eine, die ein bisschen zuviel plappert – aber nicht soviel, dass man ihr den Mund zutackern möchte, eher so ein bisschen wie eine Schwiegertochter, die man ganz gerne hat, die aber jetzt auch nicht ständig zu Besuch sein muss.

Ungarische Artisten tragen seltsame Sado-Maso-Kostüme und machen martialische Motorrad-Akrobatik. Des sinnlichen Kontrastes wegen gucke ich immer abwechselnd von einem begeisternd klatschenden Mann in gelbem Leinensakko und mit Jogi-Löw-Frisur zu den Lack-und-Leder-Ungaren.

Sunrise Avenue warten hinter uns auf einer Bank auf ihren Auftritt, machen Späße und sind genauso rockig, wie man sich eben Rocker vorstellt, die so am Sonntagvormittag im öffentlich-rechtlichen Fernsehen auftreten. Der Sänger hat ein unoriginelles Tattoo  „Forever Young“ auf dem Unterarm, entspricht dem aber wohl nicht mehr ganz so. Einen Tischplatz würde er aber bestimmt noch bekommen:

Wir laufen durch den Backstage-Bereich, hier demonstriert sich einmal mehr beispielhaft, was ich schon immer vermutete: Die Leute, die Fernsehsendungen machen, sind nicht dieselben, die diese auch gucken. Klar, es ist ein Klischee, aaaber: Hier sieht keiner so aus, als ob er sich die neue CD von Sunrsie Avenue (geschweige denn überhaupt noch CDs) kaufen würde, sondern eher so, als habe er ein Studium der Medienwissenschaften und Kultur abgebrochen.

Sanitäter joggen mit einer Trage herum. Ich bin ein bisschen fies und denke, dass auch schon ziemlich viel dazugehört, um im Fernsehgarten ohnmächtig zu werden.

Die Sonne scheint, die Leute sind froh. Hinter uns tanzt eine dicke Frau mit einem dicken Kind im Arm,  der Mann im sonnengelben Leinensakko und Jogi-Löw-Frisur wippt mit. Das hat ja auch was, irgendwie: Wenn ich wohin gehe, um mich abseits von Ansprüchen an Musik und Ambiente zu amüsieren,  geht das meistens nur mit viel Tequila. Dann habe ich Spaß – meinetwegen auch mit Gigolos namens Uwe. Die Menschen hier scheinen das anders zu machen: Die klatschen bei Thomas Anders mit, singen mit Gottfhilf im Kanon und tanzen auch noch beim poppigen Teenie-Punk der Killerpilze, ohne sich um das Playback, allzu simple Melodien o.ä zu scheren. Die erlauben sich das Amüsement einfach abseits qualitativer Standards und trinken dabei nicht mal Tequila, sondern nur Apfelsaftschorle. Und jetzt mal ganz ehrlich: Ich bin fast ein bisschen neidisch auf dieses Talent.

Jetzt ist der Fernsehgarten vorbei und Kiwi geht auch vorbei und zwar an uns. Sie trägt jetzt beqeume Birkenlatschen-Treter, nicht mehr rote Pumps.

Als Kontrasprogramm zum Fernsehgarten möchte ich doch noch was empfehlen und zwar den Film „Blue Valentine“ mit Ryan Gosling und Michelle Williams. Er ist zauberhaft und traurig und nicht mit Musik von Modern Talking , sondern von Grizzly Bear und kommt am 4. August in Deutschland ins Kino:

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