Ich spaziere durch Flammen: Irland, Barack Obama und freundliche Inkompetenz

Ich wollte, musste und konnte für eine Woche Dublin & eine liebenswürdige Freundin in Cork besuchen und in Irland allerlei – meist – agradable Dinge erleben.

Aus Mangel an Zeit und auch irgendwie an Muße habe ich mich auf die Reise gar nicht vorbereitet – keinen Reiseführer geshoppt, keine Internetrecherche betrieben, nullkommanix. Ist das jetzt Merkmal eines ganz besonders abgebrühten Touristen oder einfach nur dumm?  Naja, auf dem Weg zum Flughafen raffe ich zumindest mal gedanklich zusammen, was ich mit Irland assoziiere: drollige Flötenmusik, ein Zeitungsfoto von einem Guinness trinkenden Barack Obama, Regen, IRA, den völlig überschätzten (weil lahmen) Indiefilm „Once“ über einen jammerigen Dubliner Straßenmusiker, einen ziemlich pleiten Staat. Nicht durchweg positive Reminiszenzen also, aber deshalb ja nicht automatisch uninteressant.

Billigfluglinien haben das Flugerlebnis durch Streichung der Mahlzeit an Bord, Einstellung hässlicher Flugbegleiter/-innen und Einspielen launiger Trompetengeräusche bei der Landung entmythisiert, vielleicht sogar leicht vertrasht: Im Flug nach Dublin (und nicht nach Malle!) klatschen die Passagiere deshalb wohl auch einvernehmlich bei der Landung.

Es war ganz richtig, sich nicht im Vorhinein über etwaige Dubliner Szeneviertel, Landesmentalitäten und Kulturhighlights zu informieren. Es hat tatsächlich einen ganz besonderen Charme, in einer Stadt, in der man keinen kennt, völlig alleine anzukommen. Ich fühle mich frei und auf eine gute Art einsam, als ich übers irische Kopfsteinpflaster laufe – und bin dabei völlig vorurteilsfrei, da eben nicht vorher durch Reiseliteratur verdorben:  Aha, so sehen also die Iren aus. Aha, es regnet also tatsächlich immer.  Uhu, und der Regen ist ein ganz hinterhältiger: von der Sorte, die man solange als „Niesel-“ abwertet, bis man plötzlich komplett durchnässt ist. Mein absolut unvoreingenommener erster Eindruck: Das finanzkrisengebeutelte Dublin hat einen schäbigen Charme, den ich so ähnlich bisher nur im postindustriellen, grauen Glasgow erlebt habe: Überall sind Offices oder Läden zu vermieten oder gar zu kaufen, manche wirken mit kompletter Einrichtung hinter verstaubten Fenstern wie fluchtartig verlassen, manche sind nur notdürftig verrammelt.

Bevor es mit dem Bus nach Cork geht, bleibt genug Zeit,  um die kulturellen Unterhaltsamkeiten Dublins zu entdecken! In einer Touri-Info bekomme ich eine Barack Obama-Stadtkarte, die wollte der gute Mann wohl nicht mitnehmen bei seiner Visite dieses Jahr. Ich will die Sebastian Guinness-Galerie besuchen, in der sich lauter moderne Kunst versammeln soll. Komisch:  an der Stelle, wo sich die Galerie laut doch noch recht akuteller Barack Obama-Stadtkarte befinden soll, ist nur eine Haustür ohne Klingelschild. Ich frage einen rothaarigen Iren am Empfang einer anderen Kunstgalerie danach. Er ist sehr nett, aber auch sehr unwissend. Auch seine zu Hilfe gerufene Kollegin ist sehr nett, aber auch sehr unwissend. Ich verallgemeinere flugs und denke: „Aha, in Irland paart sich also sachliche Inkompetenz mit freundlichem Gemüt – eine ziemlich charmante Mischung, die man in Deutschland wohl eher in genauer Umkehrung findet.“ Äußerlich scheinen die Iren übrigens tatsächlich rothaariger als andere Völker, zudem sehen viele so schnapsnasig aus, als hätten sie nicht nur eins, sondern gleich mehrere mittelprächtige Alkoholprobleme. Und Englisch mit irischem Akzent kling wie eine Mischung indischer und dänischer Klangfarben. Ominös!

Die Innenstadt von Dublin ist schön bunt, ich wünsche mir ja, dass wir in Deutschland auch unsere Häuser öfter in schrillen Farben anstreichen dürften/ könnten/ wollten. Die Häuser sind von vorne also aus Sicht eines Fußgängerzonen-Walkers wie mir ziemlich farbenfroh unterwegs, von hinten aber ziemlich schrammelig und durchaus slum-fähig. Zusammen wirkt das dann auf charmante Art verfallen. Zudem gibt es hier immens viele Straßenmusiker, die sich irgendwo hinstellen und teilweise unmelodiöse, dafür aber gefühlslastige, teilweise aber auch ziemlich schicke Songwriter-Musik fabrizieren.

Temple Bar ist der kneipenlastige Touri- und Szenebezirk von Dublin, an einer beliebigen Haustür sehe ich zufällig ein rätselhaftes Schild, das erzählt, dass die Sebastian Guinness-Galerie umgezogen ist, aber wohin, steht da nicht. Ach was.

Wir wohnen eine Nacht im Gogarty`s Hostel mitten in Temple Bar. Das Personal ist freundlich, auf dem Zimmer herrscht ein leichter Modergeruch, nachts wird draußen irische Musik gefidelt, Blechtonnen werden herumgeworfen. Aber dieses absolut wirre  Schild amüsiert mich so sehr, dass ich derart Unannehmlichkeiten einfach vergesse:

Hach, was liebe ich solche Fehlleistungen. Mein Haar brennt lichterloh, ich flaniere als walkende Fackel gen Ausgang. Mein Hostelzimmer riecht verschwelt – Ich trolle mich lässig. So sieht`s doch aus.

Dann geht`s mit dem Bus auf nach Cork, einer mittelgroßen Stadt im Süden von Irland. Der Bus klappert ungalublich viele Käffer ab und biegt in ebenfalls unglaublich vielen Kreiseln immer gegen den „Cork“-Richtungspfeil ab, so dass ich mich fast ein wenig beunruhige. Aber die Massen an Schafherden auf den umliegenden Weiden wirken meditativ und nach vier Stunden Fahrt kommen wir auch tatsächlich in Cork an. Hier machen wir u.a. folgende bemerkenswerte Erfahrungen:

Einen Ausflug in den kleinen Badeort mit dem unaussprechlichen Namen Cobh, der sich damit schmückt, dass er der letzte Stop der Titanic war, bevor diese unterging – welch zweifelhafter Ruhm! Wir sehen einen Seehund in freier Wildbahn herumtollen – also im Meer. Auf den Schock müssen wir uns flugs freaky Süßigkeiten kaufen.


Im Cobh Heritage Centre werden wir über die durch Kartoffelfäule ausgelöste Hungersnot informiert, die im 19. Jahrhundert immerhin eine Million Iren dahinraffte und eine Einwanderungswelle in Richtung Amerika auslöste – das erklärt auch, warum man in Irland vor allem auf amerikanische Touristen stößt, die hier auf den Spuren ihrer Vorfahren wandeln (manchmal auch watscheln – das Übergewicht ist teilweise doch beträchtlich bei dieser  spezifischen Touristengruppe).

Mit einem Bus fahren wir den „Ring of Kerry“ ab, eine ziemlich schnieke Küstenstrecke im Süden Irlands. Der Busfahrer heißt John und würzt seine Durchsagen mit persönlichen Anekdoten aus der eigenen Kindheit (so informiert er uns z.B., dass er als Fünfjähriger mal von einem Stier gejagt wurde). Zwischendrin wird irische Fidelmusik eingespielt, die erst nach einer Weile penetrant wird. Die Landschaft ist schön, fast schon skandinavisch wild, aber manchmal auch märchenhaft verwunschen – man versteht hier schon irgendwie, warum die Iren einen Hang zu Fabelwesen im Allgemeinen, und vor allem zu Kobolden pflegen. Mich würde es zumindest nicht wundern, wenn ein solcher gleich um die Ecke biegen würde. Die Wiesen sind von einem so saftigen Grün, wie ich es noch nie zuvor gesehen habe.

Dann ist die Woche um und ich importiere noch schnell günstige und deliziöse Hellmann`s Mayonnaise sowie Essig-Chips. Meine Tasche geht eigentlich nicht mehr als Handgepäck durch, die Mayonnaise ist zudem volumen- und konsistenztechnisch durchaus sprengstoffverdächtig, aber der irische Flughafen-Mensch aber zwinkert mir freundlich-inkompetent zu und lässt mich durch.Im überfüllten Bus vom Flughafen Hahn nach Mainz dann hat der Fahrer dann ein Ticket mehr verkauft als es Sitzplätze gibt. In der hintersten Reihe drollen sich u.a. zwei winzige Kleinkinder, würde man hier ein bisschen zusammenrücken, wäre Platz für alle. Das geht aber nicht, da sind sich die deutschen Urlauber einig. Als ein alter Mann dann auch noch sagt, dass Ordnung schließlich sein muss, will ich plötzlich ganz schnell zurück nach Irland.

ps: Noch etwas Lohnenswertes aus Irland: Der Regisseur Martin McDonagh, verantwortlich für die wunderbare Brutalo-Komödie „Brügge sehen und sterben“ . Auch sein erster Kurzfilm „Six Shooter“ ist bitterböse und sehenswert. Hier gibt es ihn.

Gutes in Dublin im Überblick:

Trinken: Guinness haben wir in der ambientetechnisch recht szenigen Dice Bar getrunken – der Barmann pöbelte ein wenig seltsam gegen uns Ausländer, als wir irgendwann auch Cider bestellten, hatte aber Frank Zappa auf den Oberarm tätowiert, das entschädigte.

Kultur: Staatseigene Museen und Galerien sind idR umsonst, deshalb lohnen sie sich extremst. Ein bisschen abseits vom Zentrum, aber besonders lohnenswert ist das Irish Museum of Modern Art, hier gibt es viele einzelne ziemlich entertainende Foto- , Bild – und Videoausstellungen.

Gewohnt: zwei Nächte im Generator Hostel (unpersönliche Kette, in Dublin ganz neu aus dem Boden gestampft, aber nur 10 Euro/ Nacht im 6-Personen-Zimmer, günstiges Frühstück, sauber), eine Nacht in Gogarty`s Hostel ((s.o.), sehr nettes Personal, sehr laut, da mitten in Temple Bar, wo die ganze Nacht irische Musik gefidelt wird und Blechtonnen herumgeworfen werden, leichter Modergeruch, mittelsauber)

Einkaufen: Ein internationaler Studentenausweis lohnt sich, dann wirds bei Ketten wie Topshop, Urban Outfitters, Forever 21 idR um 10 % billiger. Irland ist die Heimat von der Billigkette Primark (heißt hier aber „Penney`s“) – in der Henry Street gibt es die größte Filiale, die ich je gesehen habe. Ein schöner kleiner Laden mit vielen mädchenhaften Kleidern ist Carousel, zudem gibts kleine Plattenläden und ein bisschen Vintage-Klamotten in der George`s Street Arcade.

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