Fertigkartoffeln, Schuppenmonster und Mr Bean

Im Grunde kann man ja auch abseits jeder gesellschaftlich akzeptierten Produktivität ein erfülltes Leben führen: Man hat Hunger. Dann kocht man sich eine Kartoffel. Dann muss man mit seinem kugeligen Kartoffelbauch ein wenig der Fläzerei fröhnen. Dann ruft vielleicht jemand an. Und wenn dieses freundliche Parlieren am Fernsprecher beendet wird, ist man wieder hungrig. So könnte es eigentlich ewig weiter gehen.

Weil man sich aber irgendwann mal – aus heutiger Sicht muss dies hochgradig versehentlich geschehen sein –  in fremdbestimmte Arbeitszwänge begeben hat, wacht man eines Tages auf und merkt, dass man jetzt sofort seinen Uniabschluss machen muss.  Dann hat man plötzlich keine Zeit mehr für Fläzereien und Knollenkocherei und kauft sich bei Rewe eine pappige Fertigkartoffel. Anrufe nimmt man nicht mehr in heiterer mentaler Aufnahmebereitschaft für die Worte des Gesprächspartners, sondern von Abgabeterminen krisengebeutelt nur mit halbem Ohr entgegen.

Damit man nun ja nicht in die Versuchung kommt, in seinen früheren Lebensrhythmus zurückzufallen, erledigt man die Arbeit nicht daheim in einem angenehmen Umfeld, sondern begibt sich gezielt an einen Platz, an dem agradable Gedanken zu Kartoffelknollen keinen Platz haben, weil jemand alles mit Büchern vollgestellt hat: 

1. Stadtbibliothek: Um sich ein paar Worte von Max Goldt zu borgen: „Menschen, die sich ohne Reiseabsicht in der Nähe von Bahnhöfen aufhalten“ ähneln jenen, die um die Mittagszeit in der Stadtbibliothek sich die Zeit und – man muss es frank und frei sagen – auch manchmal andere vertreiben.  Neben einigen vertöpfelten Rentnern sind hier sämtliche Sitzplätze um 11h30 okkupiert von eher abgerissenen Gestalten mit wahrscheinlich eher lockerem Wohnsitz. Alle, alle, alle lesen stapelweise Zeitungen. Neben einem selbst pflügen sich zwei Männer mit fleckigen Hemden systematisch durch die deutsche Qualitätspresse. Der eine trägt graue Handschuhe, bei denen die Finger rausgucken und von denen man sich immer vorstellt, dass die in ihnen steckenden Hände an brennenden Mülltonnen gewärmt werden.  Die Männer sind umgeben von Alkoholwolken, die man als atmender Sitznachbar nicht wohl, aber doch übel inhalieren muss. Der Mann mit den Mülltonnen-Handschuhen liest in der FAZ gerade einen bleiwüstigen Einseiter über den verstorbenen Dirigenten Kurt Sanderling. Die eigene Abschlussarbeit kommt einem plötzlich ganz unwichtig vor im Lichte dieser reizvoll demonstrierten Schere zwischen innerer Hochkultur und äußerlichem Abriss. Und als man selbst den Bestand an Comics in der Kinderabteilung auscheckt, ist einem das in dieser Aura der Allgemeinbildung fast peinlich. Das Auschecken bringt aber eh nix, denn die Auswahl ist dürftig und selbst der einzige Tim und Struppi-Band wird einem pädagogisch verargt, weil er auf Französisch ist.

2. Zentrale Unibibliothek: Vor allem an britischen Eliteuniversitäten gibt es Bibliotheken, die so altehrwürdig aussehen, dass man schon schlau wird, wenn man nur lang genug die schönen Holzvertäfelungen im Lesesaal sreichelt. Die Mainzer UB ist ein grauer Kasten mit noch grauerem Boden, hat dafür aber 22 Stunden täglich geöffnet – also auch in tiefer Nacht. Im Kopf stellt man sich so eine umnachtete Bibliothek vor wie die ideale Kulisse eines Horrorfilms, wo in jeder dunklen Ecke blutrünstige Schuppenmonster von fernen Planeten und Psychomörder rumhängen. So ist dies aber nicht. Die Lehrbuchsammlung sieht zwar wegen Fehlbeleuchtung trotz Überirdischkeit wie ein einigermaßen unheimliches Kellerzimmer aus. Aber: Auch um 23h30 ist es hier so voll, dass an Horror nicht zu denken ist. Massen junger Männer pimpen ihren Verstand mit dosenweise Red Bull und hängen cliquenweise am Snackautomaten ab. Es summt hier nachts sehr geschäftigt, wie eben konzentrierte Stille so summt. Und keine Leiche weit und breit.

3. Fachbereichsbibliothek: Anonymität ade! Immer wieder dieselben obskuren Gestalten treffen sich hier, weil sie alle Kommilitonen sind: Einer, der immer, immer, immer da ist. Einer, der so laut tippt, dass man weiß, es liegt nicht an einer ungünstigen Tastatur, es liegt an ihm. Die eigene empirische Stichprobe ergibt: An einem durchschnittlichen Wochentag um 11 Uhr hat in der FB von sieben Menschen nur einer ein Word-Dokument geöffnet. Ansonsten überall systematische Rumdrückerei mit sozialen Netzwerken, Spiegel Online und Amazon. Ab 17 Uhr leert sich die FB dann immer schlagartig. Morgens hatte man selbst eigentlich großspurig angekündigt „heute bis halb zehn zu bleiben um wirklich mal was zu schaffen.“ Vor allem wenn man jetzt mit Freunden da ist, fehlt mit zunehmder Leere aber auch jegliche soziale Kontrolle durch Fremde.  Und man kann sehen, wie sich die Produktivität volle Pulle verabschiedet. Warf man sich mit Rücksicht auf die Konzentration der Anderen (bzw des Einen, der gerade nicht am Onlineshoppen ist) davor nur im Stundentakt einvernehmliche Leidensblicke zu, greift man nun unter lautem Giggeln wahllos Bücher aus den Regalen und mokiert sich über ein US-amerikanischen Kochbuch aus den 1950ern.

Fazit: Nachdem man seinen müden Körper drei Monate lang jeden Tag in Bibliotheken geschleppt hat, nimmt man sich vor, am Tag der Abgabe der Abschlussarbeit nackt durch alle Eingangskontrollen zu rennen, um die neu gewonnene Freiheit veräußert am eigenen Körper zu zelebrieren – Geronimo!

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Eine Antwort zu Fertigkartoffeln, Schuppenmonster und Mr Bean

  1. Delia schreibt:

    Na, da bin ich ja mal richtig froh, dass ich NICHT angerufen und dich vom Kartoffeln kochen und arbeiten abgehalten habe ; ) Hatte nämlich schon ein schlechtes Gewissen… Fürchte auch, soziale Kontakte kann ich erst nach der Berlinale wieder pflegen…

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