Mentaler Stillstand, Skepsis zu Fastnacht und Pizzabäcker Silvio

Mentaler Stillstand gehört an Fastnacht ja quasi zum guten Ton: Ein Mann tanzt also z.B. mit Affenmaske überm Antlitz auf einer Erhöhung. Weil sich der Mann somit ausreichend anonymisiert fühlt, sonnt er sich wohlig in Schamlosigkeit und trägt seinen Leib ansonsten absolut textilbefreit (oder nackend, wie der Volksmund sagt (oder exhibitionistisch, wie die Autorin dieser Zeilen sagt)) ungefragt in die Sehfelder seiner Umwelt. Die Leute um den Nackenden herum lächeln milde, aber nicht entrüstet.

Und genau hier liegt für Fastnachtsskeptiker ein bisschen der Hase in seinem Pfeffer: Außerhalb vom Rosenmontagsbrimborium muss man nämlich nicht mal eine Affenmaske tragen, damit die Leute um einen herum ihre gesammelten Augenbrauen und noch diverse andere Gesichtsaccessoires (wie Nasen) misbilligend hochziehen. Wenn sich zB eine Frau morgens für die Arbeit in einen grauen Pulli oder in eine beige Fleecejacke wirft (letztgenannte ist vielleicht zurückhaltend gemustert, aber wirklich dermaßen zurückhaltend, dass man sofort einschläft, will man mit ihr Smalltalk betreiben),  grienen der Frau die Arbeitskollegen genauso freundlich wohlwollend zu, wie sie es auch beim nackenden Affenkopf getan haben. Wenn sich diese Frau aber morgens freudig modisch entgleisend einen Vollbart umschnallt, ziehen die Arbeitskollegen reihenweise rümpfend ihre Gesichtsaccessoires hoch – etwas, das sie beim nackenden Affenkopf nicht getan haben.

Eben diese Vorliebe für befohlene Ekstase bei gleichzeitiger Missbilligung von Andersartigkeiten im Alltag scheint Fastnachtsskeptikern kritisierbar.  Inbrünstig mißgünstelnd sagen sie sich: „Fastnachtsmitmacher sind solche, die dröge Regeln lieber als aufregende Ausnahmen mögen. Volksgaudi auf Kommando – wie lahm!“  So grollen die Fastnachtsskeptiker mehrere Jahre vor sich hin und gegen die befohlene Maskerade. Dann wacht so ein Fastnachtsskeptiker aber eines Morgens versehentlich in einer italienischen Mülltonne auf. An ihm dran kleben fröhlich verteilt Nudelmatsch, Pizzasoße und Canneloni. Er guckt an sich runter und staunt ob der zufälligen Verkleidung: Denn er sieht original aus wie ein neapolitanischer Müllberg!

(Anleitung Verkleidung „Neapolitanischer Müllberg“: Von Freunden Italo-Müll, also Spaghettipackungen, Pizzakartons oÄ einsammeln. Alles an einen Müllbeutel kleben. In diesen galant hineinschlüpfen. Ums Bein neckisch eine Plastiktüte schlingen. Auf den Kopf einen Tiramisudeckel klemmen und freundlich lächeln. Laut rufen: „Mi chiamo Müllbergo Napoletano!“ Dann sich freuen, denn man ist fertig und 1a verkleidet. Weil man unter der Plastiktüte wie Hölle transpiriert, freut man sich nach einer Minute aber schon nicht mehr ganz so doll.)

Der Skeptiker nun fühlt sich als Müllberg so richtig gut, er hat Blut geleckt in Sachen Maskerade und lernt eifrig dazu: Am besten sind solche Maskeraden, bei denen sich die menschliche Eitelkeit vor langer Zeit verabschiedet hat. Nur wer sich vor sich selbst ekelt, ist der Meister der Maskerade! Mit Balsamico und Soja-Soße lassen sich bspw Klamotten im Bad prima einfärben, so dass es aussieht, als wäre jemand darin zu großen Teile verblutet – auch für den Skeptiker ein zufriedenstellendes Ergebnis. Vor allem, weil es die nächsten Tage beim Zähneputzen im Badezimmer so angenehm eigentümlich nach China-Imbiss riecht.  Wenn der Skeptiker sich dann noch Zahnschwarz ungleichmäßig aufs Gebiss wirft und freundlich umherlächelt, macht er erfolgreich zombiesque den Kindern auf der Straße Angst. Und das macht selbst dem Fastnachtsskeptiker Spaß, ja, er jauchzt geradezu heimlich versteckt hinter seiner skeptischen Gesichtsfassade, und manchmal sogar vor ihr:

-> Fastnachtsfazit deshalb: Es ist vielleicht nicht so schön, sich auf Kommando zu verkleiden. Sich gar nicht zu verkleiden, ist aber immer noch viel weniger schön. Verkleiden ist Gaudi erster Güte – dies muss gehuldigt werden. Denn von den rosenmontaglichen Streetstyles kann sich selbst die Kastanienallee (also die weltbekannte Hipstermeile in Braunschweig, nicht diese unbeachtete Gasse in Berlin) mal locker eine oder zwei Scheiben abschneiden:

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