Notizen über den Hunsrück: Balisto, Zecken und ein Waldmeister

Weil  ja mittlerweile in deutschen Fußgängerzonen auch das letzte Großstadtkind eine Jack Wolfskin-Jacke trägt, müssen wir auch mal in die Natur. Wir mieten deshalb für zwei Tage eine Hütte im Hunsrück, um wandern zu gehen. Die Hütte ist sehr empfehlenswert, sie wird von einer netten Familie vermietet und ist billig (12 Euro/ Nacht & Person, wenn man zu fünft anreist). Sie ist unfreiwillig retro eingerichtet, hat einen Kamin und eine Sauna und riecht ein bisschen muffig – so wie es eben ein bisschen muffig riechen muss in einer Ferienhütte.

Tag 1: Wir laufen mittags los, ohne Plan, nur mit einer vagen Beschreibung der Haus-Vermieterin für eine ca. sieben Kilometer lange Strecke. Wir wohnen in Dommershausen, wollen zur Burg Waldeck und dann über Steffenshof wieder zurück (oder so ähnlich?! Die unzähligen Mini-Orte hier haben alle Namen, die man sofort verwechselt). Die wenigen Wanderer, die uns begegnen, sind alle älter als wir und haben richtig coole Wanderstöcke. Wir haben nix, nur dann am Abend eine Zecke, die am nächsten Tag ein Dorfarzt entfernen wird.

Unsere Füße werden taub in kalten Flüssen und wir lassen Steine übers Wasser flippern. Wir essen Balisto, die ultimativ pseudo-gesunde Süßigkeit für alle, die richtige Müsliriegel doof finden. Die Burg Waldeck thront als schnieke Ruine über waldigen Tälern und ist in den 1960er Jahren sogar ziemlich berühmt geworden durch ein Liedermacher-Folklore-Festival, das es zwar längst nicht mehr gibt, aber bis heute als erstes deutsches Festival überhaupt gilt. Abends haben wir Beinmuskelkater und Farbe im Gesicht (oder glauben das zumindest).

Urwald im Hunsrück!

Zum Abendbrot essen wir viel, denn Wandern macht einen hungrig und legitimiert kulinarische Ausschweifungen. Wir haben alles mitgebracht, einen Laden gibt es weit und breit nicht. Danach sind wir so im Eimer, dass uns auch stilechter Jägermeister nicht mehr wachkriegt.

Tag 2: Heute wollen wir 17 Kilometer schaffen, durch eine undurchdachte Verlauferei werden daraus gut 20. Wir sind also orientierungsloser, dafür aber besser vorbereitet als am Tag zuvor: Unsere Haut ist bedeckt von einem Film aus Schweiß, Sonnencreme und Anti-Zecken-Spray. Wir wollen in Trais an der Mosel starten. In Trais essen wir ein Eis, die Kugel kostet sagenhafte 60 Cent! Die Sorten indes verweigern sich jedem modernen Anspruch: Auf dekadent mondäne Ausschweifungen wie Cookies and Cream, Snickers, Raffaelo und andere Flausen wird in der Provinz verzichtet, man besinnt sich lieber auf bewährt Solides: Schokolade, Waldmeister, das Maximum der Exotik ist Joghurt-Eis.

 Ich schlage mir das Knie auf, es blutet. Sich-das Knie-Aufschlagen ist mir schon seit mindestens 15 Jahren nicht mehr geschehen, der Schmerz ist also geschwängert von süßen Kindheitserinnerungen an Schotter-Spielplätze und somit ein guter. Wir sammeln Waldmeister, um ihn abends in Sekt zu werfen. Das wird später tatsächlich fantastisch schmecken. Wir passieren ein Nonnen-Kloster, um das Kloster herum sind die Tannenzapfen auf dem Waldboden phallusartiger als anderswo – was hat das nur zu bedeuten? Wir laufen ein Stück vom Jakobsweg, uns begegenet ein einzelner einsamer Mann, mit dem wir uns unterhalten: Das Wandern verbindet uns! Wir singen ein bisschen –  aber nur, wenn keiner in der Nähe ist.

On the run mit Socken in Sandalen!

Wir fahren zurück zur Hütte in der Abendsonne und hören Ada, Elektronisches passt gut zu Landstraßen und zum Fahrgefühl an sich. Wir gucken uns die Rapsfelder an und sprechen darüber, dass wir hier zwar nicht für immer leben, aber durchaus wiederkommen möchten. Nachts sind wir mitten im friedlichen Wald und der umschließt uns sicher und dunkel. Die Sterne am Himmel befrieden einen innerlich. Am nächsten Morgen kleben lauter riesige Faltertiere an der Hauswand.

 Das Schöne am Wanderausflug: Er fühlt sich alles gar nicht so fehl am Platz an wie eine Jack Wolfskin-Jacke in einer bundesdeutschen Großstadt, sondern ziemlich gut und ehrlich. Nur manchmal zerschneiden tieffliegende Ryan Air-Flugzeuge die Idylle im Hunsrück. Frankfurt Hahn ist nicht weit entfernt. Zurück in Mainz kommt einem die Stadt absolut überfüllt vor.

Veröffentlicht unter Monster, Reise | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen

Sponti-Spruch & Warten auf Godot

Veröffentlicht unter Monster | Kommentar hinterlassen

Notizen über Südtirol – Fliegende Sofas & DJ Ötzi

Agradabel ist es, in die Schneeferien zu fahren! Aufregend dabei: Die gewagten Farbkombinationen von Skianzügen. Vor allem ältere männliche Semester zeigen wenig Scheu, wenn es um enggeschnittene, glänzige lila Einteiler mit Schulpterpolstern aus augenkrebsigem Ballonstoff geht. „Warum auch nach 25 Jahren wegschmeißen, wenn der Anzug doch noch im TOP-Zustand ist?!“ denken sich diese Männer, die sich in wabhalsigem 1980er-Style fast genauso waghalsig die schwarzen Pisten runterschmeißen. Kleine Neon-Farbkleckser vor einer weißen Naturkulisse. Was für ein Panorama! Von diesem gelungenen Bad Taste-Style kann sich jeder Hipster mit neonfarbenem Stirnband eine Scheibe abschneiden. Es sollte ein Fashionblog nur für Vintage-Pisten-Mode geben! Ich suche eines, finde aber keines. Immerhin: Bei Willyfinder gibt es zwar kein Vintage, dafür wird hier aber zumindest versucht, 1980er Schneekluft aktuell aufzupeppen.

Sessellifte sind voll cool und gar nicht langweilig, wenn man sich klarmacht, dass man hier gerade eigentlich auf einem Sofa durch die Luft fliegt.  Aus dem Lift fällt der Blick auf eine Buckelpiste. Das bunte Treiben sieht aus dem Lift dann aus wie in einem „Wo ist Walter-Buch“: Köpfe stecken im Schnee, überall wird gekugelt, mancherorts gefallen und irgendwer trinkt Tee:

 

Auf den Almen kann man snacken und „Heiße Oma“ (hört sich eklig an, ist nach einigen Litern auch brechreizend: Eierlikör mit Sahne) trinken. Die Musikunterhaltung dabei ist 26z (also Gegenteil, von 1a). Schlüprige Malle-Fastnachts-Schlager dröhnen die Piste hoch. Und wenn man nach diversen Heißen Omas anfängt, beim Fliegerlied mitzuperformanen, sollte man lieber schnell gehen. Ein Kleinkind im rosa Skianzug liegt auf der Piste und streikt gegen einen übermotivierten Vater-Lehrer. Heut ist so ein schöner Tag.

Besuch im Archäologie-Museum in Bozen, wo es derzeit eine ziemlich entertainende Sonderausstellung mit dem ungleichsam lamen Titel Ötzi 2.0 gibt.  Der rund 5000 Jahre alte Ötzi liegt in einer Kühlkammer und dabei kann man ihn durch ein Bullauge beobachten. Er ist klein (was auch die Verniedlichung „Ötzi“ für einen mumifizierten Leichnam irgendwie rechtfertigt – ist schon putzig, dieses kleine Ötzilein) , aber nicht dem Alter angemessen verschrumpelt, sondern glänzt bräunlich, als hätte er gerade  in Barbecue-Soße gebadet. Auch die Fellmütze der greisen Gletschermumie  kann man bestaunen, sie ist sehr gut erhalten, aber dafür nicht in Barbecue-Soße gebadet. Auf einer Pinnwand kann man seinen Museumsbesucher-Dank hinterlassen. Über das Folgende informiert einer der zahlreichen Dankeszettel:

Dann gibt es noch eine interessante Abteilung um den Merachandise-Hype zum Ötzi: CDs von DJ Ötzi (dagegen ist das Fliegerlied dann irgendwie schon wieder zurückhaltende, geschmackvolle Lounge-Musik)  und Briefe von Menschen, die glauben, die Reinkarnation von Ötzi zu sein, werden ausgestellt: Eine Frau hat sogar ein Buch über ihr Leben als Ötzi geschrieben, der Titel: „Ich war Ötzi. Die Botschaft aus dem Eis.“ Ich überlege, ob sich ein Kauf eventuell lohnt, doch mir fallen keine Gründe dafür ein.  Auch gibt es eine Schokoladentafel in Ötzi-Form – wie geschmacklos und interessant! Ich beschließe, „Ötzi – The Iceman“ auf Facebook zu liken. Das geht nämlich und jetzt, wo ich ihn kenne, mag ich ihn wirklich.

Bozen und Meran im Frühling: Die Leute haben das Savoir Vivre drauf und auch einfach das Geld dazu: Hier läuft man nicht, man flaniert. Man schüttet nicht hektisch Flaschenbier, sondern bertinkt sich mit Klasse und Aperol Spritz. Man redet mal deutsch , mal italienisch (aber keine der beiden Sprachen klingt für hochdeutsche Ohren von Südtirolern gesprochen ganz korrekt – das Deutsche hat hier irgendwie manchmal komische Artikel, dem Italienischen fehlt der Singsang).

Ich sitze in der Sonne, esse ein Stück Sacher-Torte und stelle mir vor, dass in 5000 Jahren ein Ötzi mit glänzendem lila Skianzug in einer Erdspalte in den Dolomiten gefunden wird. Das hätte schon was.

Veröffentlicht unter Reise | Verschlagwortet mit , , | 2 Kommentare

Mach`mal nen Brennpunkt!

Ägypten, Guttenberg & Fukushima – da sind wir dabei!

Pro 7 zeigte am Samstagabend kurioserweise noch die Simpsons in Japan, aber selbst bei Sat.1, sonst höchstens Expertensender für weichgewaschene Romanzen abseits jeder Realitätsnähe, wurde am Sonntag mitten in der Pastewka-Folge mit einem deutschen Studenten in Tokio telefoniert.  Neben solchen vergleichsweise kurzen Unterbrechungen waren es aber vor allem die öffentlich-rechtlichen Sender, die sich am vergangenen Wochenende vor Aktualitätsdrang überschlugen. Beim ZDF wurde im Ein-Stunden-Rhythmus vom Wintersport zu Katastrophenbildern gewechselt – eine Taktung, die auf Dauer doch irgendwie bizarr wirkte: Hatte gerade noch Biathletin Magdalena Neuner mal wieder in irgendeine Medaille gebissen  („Ich genieße die Nationalhymne jedes Mal ein bisschen mehr“), wurde in der nächsten Minute zu Auslandskorrespondent Johannes Hano in Tokio geschaltet, der nach dem schon absolvierten Berichterstattungsmarathon nicht müde im klassischen Sinne, sondern seltsam runtergerockt und irgendwie wie Klaus Kinski aussah und beharrlich wiederholte, dass er, tja, nichts Neues weiß.

Die  Ägypten-Berichterstattung von ARD und ZDF war noch harsch kritisiert worden: Zu selten seien die Öffentlich-Rechtlichen live dabei gewesen, hätten Mubaraks historische Rede einfach verschlafen und keinerlei Gespür für historische Momente gezeigt, schrieb Jochen Hieber in der FAZ. Als der Plagiateur (?) Guttenberg rund einen Monat später zurücktrat, strengten sich die beiden Sender schon ein wenig mehr an. Man sendete Brennpunkte und heute extras zur Affäre selbst, und schaffte es zumindest, die Rücktrittserklärung nicht komplett zu verschlafen, sondern nur mit 20 Minuten Verspätung zu zeigen – der gute Wille zur Aktualität, der sich Sonntagnachmittag so formschön in Johannes Hanos blauschwarzen Augenringen niederschlug, war durchaus auch schon in den Wochen zuvor spürbar.

Schwierig wird es, wenn aktuelle Berichterstattung um ihrer selber Willen und nicht der Information wegen passiert. Wenn ARD und ZDF also berichten, um die ersten zu sein, geht es um Imagegründe und immer, immer, immer implizit um eine Rechtfertigung von Rundfunkgebühren, also letztlich nur um sie selbst. Wenn ARD und ZDF berichten, um zu berichten, geht es um Information, also um das Publikum. Dieses Bedenken mag zwar angesichts der Atomkatastrophe von Fukushima nicht mehr greifen: Bei einem Ereignis, das sich auf die Frage nach Überleben oder Sterben kürzen lässt und dessen Konsequenzen zudem noch völlig unabsehbar sind, scheint irgendwie auch die reine Wiederholung bereits berichteter Informationen gerechtfertigt zu sein. Bei dem Fall Guttenberg hingegen ging es im Sinne der Aktualität – seien wir mal ehrlich – nur um die berufliche Zukunft eines steinreichen Politikers mit nasser Frisur: Zwar war die Affäre um den Verteidigungsminister politisch hochgradig aufgeladen, sein Rücktritt führte jedoch nicht zu einer Kernschmelze. Doch gerade wenn ein Thema zwar vielschichtig betrachtbar ist, jedoch nicht akute Folgen mit sich zieht, kann man sich einen bedächtigen Umgang mit Informationen  eigentlich leisten – und der ist doch unterm Strich wichtiger als unreflektiert wildes Herumwerfen mit Fakten. Denn bei allem, was so im Fernsehen passiert, gucken in der Regel  auch Leute zu.

Wenn die FAZ die Ägypten-Berichterstattung der Öffentlich-Rechtlichen bemängelt oder auch die Financial Times moniert, dass ZDF und ARD auch bei Guttenberg wieder nicht pünktlich waren,  steckt hier implizit eine Mentalität hier neue Ansprüche an journalistische Berichterstattung dahinter. Es scheint, als sei der Druck zur unbedingten Aktualität größer, weil diese heute möglich ist: Über Guttenbergs Rücktritt habe ich z.B. als erstes über eine Facebook-Statusmeldung erfahren. Und zwar bevor ARD und ZDF auch nur ein Schriftbanner im Bildschirm einblendeten. Die Entwicklung in Japan konnte ich auf Facebook sogar noch direkter miterleben: Die fahrlässigerweise öffentlichen Einträge auf der Pinnwand eines Freunde eines Freundes, der in Tokio studiert, lasen sich wie die Randnotizen eines Katastrophenfilms von Roland Emmerich, inklusive Last-Minute-Rescue.

Bei dem ja stetig vergreisendem Publikum von ARD und ZDF ist der von Jochen Hieber formulierte Anspruch an direkte Ereignisübertragung vermutlich nicht so verbreitet wie bei der Generation der Facebook-Freunde.  Das Rollator-Klientel gehorcht noch immer vor allem der Institution Tagesschau. Ein bisschen muss man sich dann schon fragen, für wen genau die Öffentlich-Rechtlichen ihr Programm am Wochenende eigentlich umstellten: 12 Millionen Zuschauer sahen die Tagesschau auf ARD und Dritten am Samstag. Denn direkt folgenden Brennpunkt danach sahen dann aber nur noch 5,6 Millionen Zuschauer, bei der anschließenden Dokumentation über Tschernobyl war die Quote auf 3 Millionen abgerutscht – was wenig ist im Vergleich zu den rund 7 Millionen Menschen, die sich auf RTL „Deutschland sucht den Superstar“ reintaten.

Aktualität ist zwar ein Qualitätskriterium für guten Journalismus – und eines, das sich heute – trotz mancher technischer Probleme bei der Live-Übertragung um Korrespondenten in Japan oder Libyen – ziemlich leicht erfüllen lässt. Das Luftholen jedoch bleibt dabei auf der Strecke. Und dass Fakteninformationen alleine noch keine Orientierung geben, merkt ja auch der Zuschauer: So fiel es mir am Sonntag nach ein paar Stunden vor lauter Brennpunktualisierung irgendwann schwer, zwischen alten und neuen Informationen zu unterscheiden. Gepaart mit der permanenten Wiederholung zur Unübersichtlichkeit der Gefahrenlage konnte ich an mir selbst beobachten, wie sich diese Mischung aus Orientierungslosigkeit und Bildern von ungeordneter Zerstörung anfühlte. Sie fühlte sich so an, dass ich am Sonntagabend irgendwann nur noch HR1 hören konnte (Slogan: “ Mit Musik zurück zu den Gefühlen“): Mehr als Razorlight und Elton John war nicht mehr drin bei mir.

Veröffentlicht unter Medien | Verschlagwortet mit , , , | 2 Kommentare

Hausarbeiten schreiben – Schweiß, Blut, Informationsquallen

Noch 3 Wochen bis Abgabe

Um den Inhalt der Hausarbeit selbst geht es jetzt noch gar nicht, nur darum, den natürlichen Widerstand gegen geregeltes Arbeiten zu brechen. Um dem Schreibtisch fernzubleiben, arrangiert man zunächst lauter Ausweichmanöver, das wohl populärste: Putzen. Äußerliche Ordnung verschleiert inneren Ungehorsam ziemlich effektiv, außerdem redet man sich ein, „sowieso nur konzentriert arbeiten zu können, wenn das Zimmer aufgeräumt ist.“ Nach der Putzaction ist man verwundert, wie hell die Wohnung durch saubere Fensterscheiben plötzlich ist und außerdem so erledigt, dass der Recherchebeginn auf den nächsten Tag verschoben wird. An diesem nächsten Tag trinkt man dann aber schon morgens soviel Kaffee, dass die Buchstaben im Word-Dokument ganz flimmerig werden und irgendwann anfangen, wild zu tanzen. Weil man ein bisschen mittanzen muss, ist also auch dann nix mit Arbeit los. Und weil man beim Tanzen mit den Buchstaben sechs Bier trinken musste, kann auch gleich der übernächste Tag gleich geknickt werden.

Gepaart ist dieser professionelle Selbstbetrug mit exzessiver Ablenkung. Man denkt z.B.:  „Wenn ich jetzt schon drei Stunden gearbeitet hätte, könnte ich jetzt als Belohnung 20 Minuten lang eine Folge „30 Rock“ gucken.“ Aber man hat gerade schon drei Stunden „30 Rock“ geguckt.  Und jetzt noch 20 Minuten sich irgendwo dransetzen bringt eh nix, also kann auch einfach noch eine Folge gucken und fertig.

Irgendwann können auch saubere Fenster und Serienkonsum nicht mehr über die nahende Abgabefrist wegtäuschen. Das schlechte Gewissen schlägt bei einem zu und sich anschließend nieder in einem überstürzten Gang in die jeweilige Fachbibliothek. Euphorisch kopiert man dort für zweistellige Eurobeträge wild lauter Aufsätze und leiht die bestaussehendsten Bücher (die mit modernem Glanzeinband) sogar aus. Dann verteilt man in seinem Zimmer dekorative Papierstapel, die man zufrieden und selbstgefällig betrachteten kann:  Jetzt sieht`s zumindest nach geschäftiger Arbeit aus.

Noch 1 Woche bis Abgabe

Bei der ersten inhaltlichen Auseinandersetzung mit der Hausarbeit stellt sich heraus, dass die zusammenkopierten Quellen alle meilenweit am Arbeitsthema vorbeigehen, vor allem die gutaussehenden Bücher sehen nur schön aus, sind innerlich aber Müll erster Güte. Die selbstgefälligen Papierstapel sind also weg, das schlechte Gewissen klopft derweil aber immer eindringlicher an. Also neu kopieren. Hierbei lässt man sich auch nicht mehr vom Schein der Glanzeinbänder blenden und kopiert für zweistellige Eurobeträge lauter ranzige, aber gehaltvolle Doktorarbeiten aus den 1970er Jahren. Dann geht man zum Arbeiten in die Bibliothek, weil man hier nicht soviel selbstbetrügerische Aufräum-Action veranstalten kann (man könnte eigentlich schon, z.B. Bücher nach Farbe sortieren. Wird aber vermutlich nicht gern gesehen). „Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft“ studieren ungefähr 5 Leute, die Fachbibliothek ist dementsprechend schön verwaist. Dafür stehen neben einem im Regal Bücher mit erquicklichen Titeln wie“Legoland“ oder „Dem Herrgott zuvorkommen“.

Die Ablenkung findet in dieser Phase der Arbeits-Annäherung vor allem durch soziale Netzwerke statt. Alle fünf Minuten schreibt man überflüssige Status-Meldungen. Da Facebook in hohem Maße reaktiv ist, kommt ein unausweichlicher Teufelskreis in Gang: Je mehr man selber macht, desto mehr kommt auch zurück! Und dann macht man ja auch wieder was! Das schlechte Gewissen in einem erteilt ein Facebook-Verbot, der Arbeitsverweigerer in einem hintergeht dieses jedoch mehrfach. Die Luft in der Bibliothek ist verbraucht und macht einen schläfrig. Die Gedanken schweifen ab. Das Licht brennt und ist neonkalt hier drinnen, draußen scheint eine Sonne warm und weich. Was wäre man jetzt gerne im Legoland! Draußen wird ein asbestfreies Unigebäude gebaut, man kann durch die angestaubten (! weitere Putz-Ausweichmanöver bieten sich hier an !) Fenster lauter Kräne bewundern. Die bewegen sich manchmal so, dass man denkt, man würde sich selbst bewegen.

Noch 3 Tage bis Abgabe

Der Widerstand ist gebrochen, der Arbeitsunwillen gezähmt. Abseits von der langsam fortschreitenden wissenschaftlichen Arbeit ist jedoch totale Irrationalität eingekehrt, Wahn beherrscht Sinn. Man überlegt, in den Text ganz subversiv eine leichte Beleidigung einzubauen, um zu testen, ob der Dozent die Arbeit überhaupt liest: „Donsbach verknüpft hier quantitative Inhaltsanalyse mit Befragung und Copy-Test, und versucht durch Du bist doof diese Kombination unterschiedlicher Methoden, einem Kausalnachweis möglichst nahe zu kommen. “ Die totale Irrationalität schlägt sich zudem nieder in interessanten sprachlichen Fehlleistungen. Aus „kognitiver Inkonsistenz“ wird „kognitive Inkontinenz“, aus „Informationsquellen“ werden „Informationsquallen“.

Zwischendrin guckt man einzelne Episoden „30 rock“. Das 20 Minuten-Format ist unheimlicherweise genau dem Zeitrahmen angepasst, denn man zur Zubereitung und Verköstigung einer Tiefkühlpizza benötigt. Wie kommt’s nur? Bei der Arbeit hört man immer wieder diesselben Playlists mit unaufdringlicher Musik, die eingängig ist, einen aber dennoch nicht zum Schlafen einlädt.

Wenn man dann irgendwann absolut keinen Nerv mehr hat, redet man sich ein, dass inhaltlich eigentlich alles getan ist, und man die Notizen nur noch „ins Reine“ schreiben muss. Und das dauert doch sowieso eh maximal nur noch ein paar Stunden.

Noch 3 Stunden bis Abgabe

Letzte Nacht irgendwann gegen fünf ist man mit dem „ins Reine schreiben“ fertig geworden, jetzt fühlt man sich ziemlich fiebrig und übermüdet. Ein Fazit muss aber noch flugs her und wenigstens einmal drübergucken wäre gewiss nicht verkehrt. Das Fazit kann man noch gerade so irgendwie runterreißen, drüberschauen geht jetzt aber nicht mehr.  Beim Ausdrucken merkt man, dass noch eine Kapitelüberschrift komplett fehlt. Ist jetzt aber auch egal, lieber einfach Augen zu machen und gar nicht mehr anschauen.  Zum Instituts-Briefkasten hetzen.

1 Sekunde nach Abgabe

Der Kopf ist ganz leicht und wunderbar leer, eine warme, weiche Sonne scheint auf ihn drauf.

Veröffentlicht unter Arbeiten | Verschlagwortet mit , | 2 Kommentare

Kurt Beck geht nicht auf Safari

Da der Mensch an sich ja normalerweise scheuklappenmäßig von eigenen Interessen geleitet durch die Welt taumelt, erweitert sich sein Horizont, begibt er sich an Plätze, die ihn null interessieren. Heutige Erfahrung an Orten, an die er sich sonst nur aus einem sehr großen Versehen heraus verirrt: SPD-Wahlveranstaltung mit Kurt Beck zum Thema „Migration und Integration“.

Die SPD versammelt sich weit ab vom Schuss. Ort des Spektakels ist eine Sporthalle in Mainz Weisenau, zu der man vom Hauptbahnhof aus locker eine halbe Stunde mit dem Bus gurkt. Die Austragungsstätte riecht innen leicht nach Schweiß, das zeugt von ganz spezieller Volksnähe und Bescheidenheit. Wie die Autos vor der Turnhalle innerlich riechen, lässt sich nur vermuten, rein äußerlich zeugen sie aber zumindest nicht so von Bescheidenheit.

Die Turnhalle ist also sehr geerdet oder man kann auch sagen, karg und trist. Aber der Boden ist immerhin schön rot, die Menschen in der Turnhalle sind nicht so schön, aber dafür etwas älter. Die Halle ist gut gefüllt mit vielen älteren Deutschen, manchen jungen Deutschen und im Raum verkleckst ein paar Menschen, die zumindest nicht deutsch aussehen.

Die Veranstaltung selbst beginnt so unwaghalsig, wie die Klamotten der manchen jungen SPD-Hüpfer aussehen:  Der wenig spektakeliger Moderator sagt, dass er ein „Mensch mit Migrationshintergrund“ ist. Eine einstimmende Bollywood-Tanzgruppe ist ein wenig unbeholfen, wie man halt als so unbeholfen ist, soll man als Mitteleuropäer sinnlich seinen Körper schlängeln. Richtig gut tanzt nur die äußerlich sehr undeutsche Leiterin. Der Auftritt soll dem Abend wohl eine dem Migranten-Thema angemessene, lebendige Exotik verleihen, aber das Licht in der Turnhalle ist dafür irgendwie zu weiß und kalt. Neben uns steht alleine die ganze Zeit ein ganz grauer Mann mit enttäuschtem Gesicht, zu dem passt das Licht ganz gut. Neben uns liegen Flyer, auf denen „PersBECKtive“ steht. Neben uns liegen keine Flyer, auf denen „Kurt beckt ein Brot“ steht.

Dann kommt Kurt auch schon und macht faustige Siegergesten mit seinen Händen, ein Mann mit Triefauge neben uns sagt „Doll macht der das, der Kurt.“ Weil alle klatschen, klatschen wir aus Versehen mit. Kurt ist kleiner, als man denkt, aber nicht dünner. Ein runder Igel bräst da vorne am Podium. Als Tier würde mir Kurt gefallen. Einige der Menschen mit Migrationshintergrund stehen neben uns am Tisch,  alle Männer. Sie unterhalten sich weiter, als Kurt anfängt mit seiner Rede. Kurt spricht frei und gestikulativ ansprechend, das kann er ziemlich gut: Es geht natürlich um Fußballspieler mit Migrationshintergrund, dann schwenkt Kurt kurz aber relativ schmerzlos  zum Dritten Reich und dann zum frühen Wahlrecht bei Kommunalwahlen für Einwanderer (für das Kurt übrigens ist – nur, um hier wenigstens ein bisschen politischen Gehalt einfließen zu lassen). Alles sehr hübsch.

Dennoch geht im Kopf eine Schere auf: Kurt verkörpert ja einwandfreie Provinz, und das funktioniert so gut, dass er es immerhin zum Ministerpräsidenten in der Provinz gebracht hat. Das heißt aber auch: Kurt funktioniert nur auf rheinländischen Weinfesten. Als feister Burgherr in Ritterrüstung kann ich mir Kurt auch noch ganz gut vorstellen, aber das wäre ja eine Reise in der Zeit und nicht am Ort. Im Ausland kann man sich Kurt irgendwie nicht so gut vorstellen, weshalb man ihm automatisch wenig Einfühlung für Migratengefühle unterstellt. Kurt Beck als Entdecker fremder Kulturen? Kurt auf Safari, Kurt beim Essen mit Stäbchen? Kann der die Stäbchen überhaupt greifen mit solch wohlgenährten Wurstfingern? Kann der überhaupt Englisch? Der würde doch verhungern im Ausland!

Weil Kurt also nicht ins Ausland kann, kommt dieses eben zu ihm: Denn plötzlich menschelt es arg auf der Bühne bei Kurt vor lauter Beispielmigranten, die persönlich erzählen sollen, wie sie migriert wurden. Eine davon ist Weltmeisterin im Trampolinspringen! Ich bin imponiert, denn auf solch einem Trampolin würde ich auch gerne öfters springen, besäße ich ein Exemplar.  Kurt legt jetzt seine Hand denkerhaft ans Kinn und legt den Igelkopf schief. Der Igel hört zu.

Die Migration ist noch nicht zuende, aber um 9 Uhr fährt der letzte Bus und den müssen wir kriegen. June ist mittlerweile deutscher Staatsbrüger, ist aber in Togo geboren und fragt uns nach dem Weg zum Bus. Er lebt seit 20 Jahren in Deutschland, erzählt akzentstark und weich und nett, dass er eigentlich Fotoreporter ist, jetzt aber als Kochhilfe in Wiesbaden arbeitet. Seit sechs Monaten ist der SPD-Mitglied und zeigt uns seine SPD-Card (so heißt das nämlich heute und so sieht es auch aus: Nicht wie ein ehrwürdig speckiges Pareibuch, sondern wie eine Kreditkarte.) Er rät uns, wir sollen auch Mitglieder werden, weil wir dann viele Vorteile hätten. Er hat eine neue Stelle in Aussicht durch die SPD, sagt er, etwas mit Migrationshilfe.

Dann überlegen wir noch, ob wir in näherer Zukunft weitere Wahlveranstaltungen besuchen sollen. Wir überlegen, mal zur CDU zu gehen. Dann muss man aber wahrscheinlich nicht nur eine halbe Stunde in ein Industriegebiet gurken, sondern sich auch noch angemessen verkleiden, glauben wir. Und ich habe noch nicht mal Perlohrringe.

Veröffentlicht unter Monster, Selbstversuch | Verschlagwortet mit , | Kommentar hinterlassen

Die Fanzine-Erfahrung: Rudi Carrell und Eskalation total!

Vorspiel: Jenny überredet mich zu einem dreitägigen Fanzine-Workshop, der vom Mainzer Atelier Zukunft mitorganisiert wird. Was ist ein Fanzine? Ein Magazin, geschrieben & gestaltet von Fans für Fans. Von was man genau Fan ist, ist dabei egal: Rudi Carrell, Schnitzel, Hardcore – alles geht und darf auch gerne einfach nur ausgedacht sein. Der Workshop kostet 30 Euronen und wird von Leuten geleitet, die schon viele Fanzines gemacht haben. Ich bin gespannt und ein wenig ängstlich: Jenny kann so malen, dass man Menschen erkennt (und zwar aufgrund ihrer Gesichtszüge und nicht eindrücklicher körperlicher Abnormitäten wie fehlender Gließmaßen). Ich male wie ein ambitionierter, jedoch talentfreier Fünfjähriger (meine gemalten Menschen erkennt man ausschließlich aufgrund fehlender Gliedmaßen).

Tag 1: Alle 40 Teilnehmer kennen sich, alle studieren Mediendesign und sehen zum großen Teil auch so aus.  Die Leiter sagen Sachen wie „Ihr müsst euch lockermachen“ und „Macht einfach, was euch anbockt.“ Ich fühle mich plötzlich ganz unlocker. Sie sagen aber auch: „Es geht nicht um Style, es geht auch um Inhalt.“ Die rund 40 Hipster-Designer gucken nicht mehr nur aus ihrer American-Apparel-Wäsche, sondern auch ein bisschen betroffen.  Das Thema des Fanzines: „Das geilste Fanzine aller Zeiten“. Konkret geht irgendwie anders. Die zumindest optisch komplett männlichen Leiter sagen, dass sie immer einen Penis in ihren Fanzines verstecken, das ist Tradition und schon immer so gewesen. Vier Jungs sagen, sie wollen 10 Seiten nur mit Penissen machen. Frauen rollen entnervt mit den Augen. Dann sollen wir uns schnell Ideen für das geilste Fanzine aller Zeiten ausdenken. Eine Frauengruppe schlägt vor, Geschlechtskrankheiten mit Pailletten, bunten Stoffen und anderem Glitzerkram nachzustellen. Top Idee! Andere wollen auf dem Mainzer Wochenmarkt herausbekommen, welcher Verkäufer die dicksten Kartoffeln hat. Ich erinnere mich, dass ich von einer Band gehört habe, die irritierender- und wunderbarerweise „Irgendwie Feucht“ heißt.  Ich habe auch noch andere Ideen, die Leiter wollen aber was zu „Irgendwie Feucht“. Passt ja auch irgendwie zu den Penissen.

Tag 2: Wie gestalten zwei Seiten zum Thema „Fürchterliche Bandnamen“. Ich illustriere eine Top 5 der misslungensten Bandnamen. Sieht authentisch ungekonnt aus. Ansonsten muss ich mich dauernd rechtfertigen, weil ich nix kann. Folgenden Dialog gab es zwischen mir und einem Workshop-Leiter. Er: Kannst du das Bild nicht mal freistellen? Ich (im Kopf): Der Mann spricht in fremden Zungen! Freistellen? Bitte? ) Ich (außerhalb vom Kopf): Ähem, ich kenn mich nicht so aus mit Photoshop, ich studiere doch Publizistik. Er (kalt, mit Blick auf den Bildschirm): Das ist InDesign. Ich unterhalte mich mit einem der Leiter, ich habe mitbekommen, dass er eine Ausgabe des Dummy Magazins, einer von mir hochverehrten Gesellschaftszeitschrift, mitgelayoutet hat. Das ist aber auch schon ein bisschen her. Sein Geld verdient der Mann eigentlich, indem er die Printausgabe des Kölner Stadtanzeigers als App für das iPad umgestaltet.  Es ist immer ein bisschen trist, wenn man richtig kuhle Sachen nur außerhalb der regulären Arbeit machen kann.

Tag 3: Der Druck dauert. Das Fanzine hat den Namen „Let`s Fetz“ bekommen,  wird heute aber nicht mehr fertig. Wir fühlen uns überflüssig, basteln aus einer alten Filmzeitschrift noch ein paar Gimmicks zum Ins-Fanzine-Reinlegen, essen Pizza und gehen.

Nachspiel: Jenny holt für uns ein paar fertige Fanzines ab, die äußerlich ganz schick aussehen. Die Inhalte jedoch sind insgesamt durchwachsen und beweisen unterm Strich: Wer was Kreatives studiert, ist selbst nicht automatisch kreativ. Manche Sachen sehen gut aus, sind inhaltlich aber Tonnenmaterial. Manche Sachen sehen sogar schlecht aus und haben gar keinen Inhalt. Das ist manchmal okay, auf Dauer aber ein bisschen lahm – irgendwie hat Style doch ziemlich über Inhalt gesiegt.  Die Geschlechtskrankheiten mit Pailletten sind durchweg schön. Es gibt unüberraschenderweise eine David Hasselhoff-Seite. Es gibt auch einen unübersichtlichen Pick-Up-Guide zum Abschleppen. In jeder Ausgabe liegt ein Poster und manchmal ein Kartoffeldruck-Gimmick oder ähnlicher unterhaltsamer Schabernack.

Jenny und ich beschließen, selbst auch ein Fanzine machen und dann für teuer Geld zu vertreiben. Mögliche Themen: Schildkröten oder Klöße oder so. Macht euch locker und mit!



Veröffentlicht unter Monster, Selbstversuch | Verschlagwortet mit , | 5 Kommentare